Berufsorientierung muss wieder Schule machen

Jeder junge Mensch steht irgendwann vor der Frage, wie seine berufliche Zukunft aussehen soll. In meinen Begegnungen mit Jugendlichen bemerke ich jedoch, dass sich nicht wenige diese Frage zu selten oder zu spät stellen und mit der Berufswahl schlichtweg überfordert sind. In einer sich verändernden und globalisierten Arbeitswelt sowie bei einem Angebot von über 300 Ausbildungsberufen und noch mehr Studiengängen sind ein Großteil der Heranwachsenden ohne beruflichen Kompass.

Die Konsequenz ist, dass nach dem Schulabschluss oft irgendein Studium oder irgendeine Ausbildung begonnen und später wieder abgebrochen wird. Fast jeder dritte Hochschüler in Deutschland bricht sein Studium ab oder führt es nicht in dem Fach fort, in dem es begonnen wurde. Die Motive hierfür sind unterschiedlich und auch nicht verwerflich, zumal sich durch eine berufliche Ausbildung alternative Karrierechancen bieten. Knapp die Hälfte der Abbrecher nutzt diese auch. Doch müssen erst viele junge Menschen den Umweg über das Studium zu einer beruflichen Ausbildung gehen?

In unserem Bildungswesen haben wir einen Schatz, um den uns viele auf der Welt beneiden: die duale Ausbildung. Mehr denn je stehen jungen Menschen mit einer handfesten Ausbildung und einem zertifizierten Berufsabschluss alle Türen offen. Ihre Entwicklungschancen und Perspektiven sind hervorragend. Unsere Aufgabe als Eltern, Politiker, Unternehmer und Lehrer muss sein, ihnen dies auch frühzeitig zu vermitteln. Der erste Kontakt mit der Arbeitswelt darf nicht erst mit dem Pflichtpraktikum in der Schule entstehen.

Das Kennenlernen der Berufswelt sowie die Neugierde und Begeisterungsfähigkeit dafür ist eine Lebenseinstellung und fängt bereits zu Hause an. Eltern, Lehrer und das nähere soziale Umfeld sind gefragt, diese Einstellung selbst vorzuleben. Nur mit Vorbildern im Freundesund Familienkreis gelingt es uns, unsere Kinder für einen bestimmten Berufsweg zu interessieren. Wenn ein 14-jähriger zu mir sagt, er möchte einmal Tischlermeister werden und eine Firma leiten, dann tat dies der Vater, Onkel oder Opa bereits auch. Deshalb sollten wir unseren Kindern nicht nur den Weg in Richtung Abitur und Studium weisen, sondern ihre Talente in jederlei Hinsicht fördern.

An dieser Stelle kommen Politik und Wirtschaft ins Spiel. Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Wirtschaft nimmt Fahrt auf und muss durch Lehrpläne, Initiativen, Partnerschaften, gerne aber auch durch ein Schulfach „Wirtschaft“, weiter optimiert werden. Darunter stelle ich mir die Vermittlung von ökonomischen Zusammenhängen, frei von jedweder politischen-ideologischen Einfärbung, aber auch eine stärkere praktischere Orientierung des Unterrichts vor. Unternehmen kommen schließlich nicht umhin, Kapazitäten auch für Aktivitäten dieser Art bereitzustellen. So kann es uns gelingen, nicht nur dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, sondern zukünftigen Generationen auch einen ausfüllenden Berufsweg zu ebnen.

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